SAMMLUNG MIGROS MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST

Ich möchte vorschlagen, die seit 1587 in Dresden in der Schatzkammer der sächsischen Kurfürsten und Könige aufbewahrte Statuette «Daphne als Trinkgefäss» von Abraham Jamnitzer für die Sammlung des Migros Museums zu erwerben.

Daphne.

Wie wir wissen, wurde Daphne in den Metamorphosen des Ovid zum Lorbeerbaum, nachdem sie ihren Vater, den Flussgott Peneios, darum gebeten hatte, sie in ein Gehölz zu verwandeln. Sie war am Ende ihrer Kräfte und der stürmischen Verfolgungsjagd Apollons müde, der ihr heiss vor Liebe und Begierde nachstellte.  Getrieben wurde Apoll durch den goldenen Pfeil Amors, der ihn mitten ins Herz getroffen hatte. Seine Raserei sollte ihn aber nicht zum gewünschten Ziel führen, denn der Schuss ins Herz war ein Racheakt Amors. Aber auf diese Einzelheiten soll jetzt nicht eingegangen werden.

Unsere Statuette jedenfalls hält den Moment der Verwandlung Daphnes in einen Lorbeerbaum fest.

Aber was sehen wir? Eine rote Koralle wächst der kleinen Figur aus dem Kopf und macht sie aussehen, als lodere ihr das Feuer aus dem Haupt. Als hätte sie eine zündende Idee gehabt - nein -  noch viel bedrohlicher scheinen ihre Gedanken zu sein! Mit der gleichen Wucht scheint sie zu denken wie ein Drache Feuer speit. Und in gewisser Weise  ähnelt sie gar ihrem Gegenspieler, dem sie belästigenden Apoll, dessen Liebe sich für sie entzündet hat.

Zurück zu Daphne.

Als Nymphe ist sie ein Halbwesen, das äusserlich dem Menschen gleicht, jedoch aus einer Schöpfung 2. Grades hervorgeht, einer subtilen und geistigen Schöpfung. Als Elementargeist hat sie keine Seele und ist weder Mensch noch Tier. Sie ist einfach eine «Creatur». Als keusche jungfräuliche Nymphe hat sie Vergnügen an der Jagd gefunden und sich dem Gefolge der Göttin Artemis angeschlossen. Letztere übrigens ist pikanterweise die Zwillingsschwester von Appollon und wird von Daphne verehrt.

Die Bezugsfäden möchte ich aber wieder lockern, und nun näher auf die rote Koralle zu sprechen kommen, von welcher man behaupten kann, dass sie in vielen Punkten eine von einer nymphischen Daseinsform ganz verschiedene darstellt. Die Koralle – im vorliegenden Fall eine Steinkoralle – ist viele. Sie besteht aus einer Tierkolonie, welche als einzelne sessile Polypen ein gemeinsames, hier ein feuerrotes Skelett bilden, indem sie an ihrer Basis Kalk ablagern. Steinkorallen sind zwittrig oder getrenntgeschlechtlich. Diejenigen Korallen, welche sich nicht selbst befruchten, geben Eizellen und Spermien zu unterschiedlichen Zeitpunkten ab. Die Befruchtung findet im freien Wasser statt. So entstehen sie.

Ich habe mich zu dieser Ausführung hinreissen lassen, da man bei unserer Daphne Statuette ja eigentlich eher denken würde, sie verwandle sich in eine Koralle. Auf der Flucht vor Apoll hätte sie ihren Vater gebeten, sie bis ins Meer zu treiben, und sie aus der Arbeit tausender Polypen als feuerrotes Skelett hervorgehen zu lassen. Sie hätte ihre Ruhe in den Tiefen des Meeres gefunden.

Zumindest, bis jemand sie aus dem Wasser gefischt hätte und aus ihr die Daphne Statuette gemacht hätte. Ein bisschen Süsswasser hätte man in ihrem Inneren vorgefunden, welches von Ihrer Reise im Fluss gezeugt hätte.

Ja, und dem war auch so.

Die Daphne Statuette ist auch ein Trinkbecher. Dazu trennt man den Unterleib der Statuette einfach ab, und hat erneut eine weitere Dimension ihrer entdeckt. Diejenige nämlich des Daseins als Gebrauchsgegenstand. Eines ganz besonderen dazu. Denn die metallische Statuette, oder besser gesagt, der Becher, hat einen Überzug aus demselben Material, aus dem auch Amor seinem Pfeil, den er auf Apollon richtete, verfertigt hatte: einen goldenen.

Nun sind wir auf der Zielgeraden. Der Lorbeerkranz winkt.

Wir holen Gold.

Und wen noch dürstet, der soll einen Schluck trinken.

Patricia Bucher

ist bildende Künstlerin und lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der ZHdK Zürich. Ihre Arbeiten wurden in diversen Solo- und Gruppenausstellungen gezeigt.

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Abraham Jamnitzer, «Daphne als Trinkgefäss» , seit 1587 in der Schatzkammer der sächsischen Kurfürsten und Könige, Dresden
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