SAMMLUNG MIGROS MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST

Ben Schonzeit «Sugar» (1972)

Der New Yorker Ben Schonzeit (*1942) gehört zu den Künstlern, die in Europa vor allem durch ihre Präsentation im Rahmen der Abteilung «Realismus» der documenta 5 bekannt wurden. Schonzeit arbeitet in den um 1970 entstandenen Arbeiten mit fotografischen Vorlagen, die er mit Spritzpistole akribisch auf Leinwand überträgt und dabei den «Realismus» der Darstellungsweise durch die Collage verschiedener Motive bricht. Schonzeits Betrachtung von Alltagskultur als ästhetischem Phänomen wäre mit Susan Sontag ohne grössere Probleme als camp – und somit als queere Strategie – beschreibbar. Es ist aber etwas anderes, was bei Schonzeits Bildern auffällt: Im Unterschied zu einem Großteil seiner Kollegen macht Schonzeit einen Bogen nicht nur um die Darstellung nackter Frauen, sondern auch um einen in den Mantel der Kritik gehüllten Fetischismus. Anstelle von den im Fotorealismus verbreiteten Chromstahlexzessen, beschäftigt sich Schonzeit lieber mit dem Warenangebot des Gemischtwarenhändlers ums Eck. Er malt Früchte und Gemüse, Pattisierie, in Cellophan verpackte Blumen, Kinderspielzeug und Modeschmuck. Sein Blick auf diese trivialen Objekte ist dabei nicht so sehr ironisch überaffirmativ, sondern scheint vielmehr geleitet von einem durchaus liebevollen Interesse. So schreibt er 1971 in einem Brief an seinen europäischen Händler Mike Cullen, wo er die Behauptung, dass ihm das Malen von Lebensmitteln offenbar grosse Freude mache, folgendermassen kommentiert: «Das macht es wirklich. Aber es ist mehr als das […]. Wenn ich die Stadtlandschaft unter die Lupe nehme, sind Bäckereien und Nahrungsmittelläden oft das Einzige, was mich wirklich erregt.»
 
Im Zusammenhang mit der Sammlung des Migros-Museums sind aber auch andere Aspekte von Schonzeits Bild queer – allerdings im ursprünglichen Wortsinn von «zweifelhaft»: Das Bild war Teil der Sammlung Crex, die ab Mitte der 1970er Jahre vom Schweizer Künstler Urs Raussmüller zusammengetragen wurde. Das Geld für dieses Unterfangen (jährlich zwischen 200'000.– und einer Million Franken) kam zum größten Teil von drei befreundeten Rechtsanwälten. Parallel zu Crex kaufte Raussmüller in den Jahren 1976–1985 auch für den Migros-Genossenschafts-Bund eine konzerneigene Kunstsammlung zusammen und bediente als Händler eine Reihe anderer Sammler und Institutionen. Auf diese Weise avancierte er in kurzer Zeit zu grossem Reichtum. Erste Risse bekam Raussmüllers Imperium Mitte der 1990er Jahre, als die beim Unternehmen Crex beteiligten Anwälte gegen ihn prozessierten und Museen in den USA den Verdacht auf Versicherungsbetrug ins Spiel brachten. Die Sammlung Crex brach daraufhin auseinander. Die verbleibenden Werke wurden als Raussmüller Collection zusammengefasst. Unter diesem Namen betreibt Raussmüller heute noch die Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen – als «kulturelle Organisation mit gemeinnützigem Status».

Philipp Messner

lebt und arbeitet in Zürich. Er studierte Kulturwissenschaft und Jewish Studies an der Humboldt Universität und der Universität Potsdam in Berlin.

Michel Hiltbrunner

lebt und arbeitet in Zürich. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gegenwartskünste der ZHdK in Zürich. Er studierte Volkskunde, Europäische Volksliteratur und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Zürich und ist Doktorand an der Universität Zürich für eine Dissertation zur Erzählung Blaubart. Er kuratierte diverse Filmprogramme und Gruppenausstellungen und tritt als künstlerischer Performer auf.

 

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Ben Schonzeit, «Sugar», 1972
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