SAMMLUNG MIGROS MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST

Jean

Die Arbeit, die ich hier beschreiben werde, ist eine Arbeit, die ich machen möchte, sozusagen ein Skript für eine Idee zu einem Film.

Ein Junge, er ist ungefähr zehn Jahre alt, sitzt auf einem hohen Baum. Es ist Frühling, die Blüten blühen. Mitten in dieser Buntheit aus Blüten und Blättern hockt der Junge auf einem Ast und blickt ängstlich hinunter in die Tiefe. Er trägt, über seinen blauen Jeans, ein zerlumptes, von Erde, Sand und Schokolade beflecktes Prinzessinnenkleid, das schon sehr mitgenommen aussieht. Auf dem Kopf hat er eine weiße Strumpfhose aufgesetzt. Die Beine der Strumpfhose hängen, wie zwei lange Zöpfe, über seine Schultern. Sein Gesicht ist mit rotem Lippenstift, blauen Lidschatten und rosa Rouge hastig geschminkt. Mittlerweile ist die rote Farbe des Lippenstifts über sein ganzes Gesicht verschmiert.
Unten, ein paar wenige Meter von dem Baum entfernt, steht ein Mädchen, das ungefähr im gleichen Alter ist wie der Junge und sieht zu dem Jungen hinauf. Sie trägt ein sauberes, ordentliches, dunkelblaues Kostüm und  eine weiße Bluse. Eine Weile starrt sie stumm und interessiert zu dem Jungen hinauf. Der Junge unternimmt ein paar vorsichtige Versuche von dem Baum zu klettern, lässt seinen Fuß ein wenig den Ast hinunter gleiten, kommt leicht ins Schwanken und zieht sich sofort wieder in seine alte Position zurück. Nach ein paar weiteren gescheiterten Versuchen, die das Mädchen kommentarlos beobachtete, ruft sie mit einer spitzen, grellen Stimme: «Na los, mach schon du Feigling!« Der Junge versucht es daraufhin ein weiteres Mal, er nimmt all seinen Mut zusammen und rutscht ein wenig von seinem Ast nach unten, schreckt aber schnell wieder zurück.
Das Mädchen, jetzt ungeduldiger und böse: «Du alter Hosenscheißer – mach dass du da runter kommst bevor wir dich holen und dich wieder verprügeln bis du nicht mehr sitzen kannst.» Der Junge fängt an zu weinen – aber nur leise und versteckt, das Mädchen soll das nicht sehen. Er rührt sich nicht mehr von der Stelle.
Jetzt haben sich noch andere Kinder unter dem Baum versammelt und rufen zu dem Jungen hinauf: «Hosenpisser, Muttersöhnchen – mach schon und spring endlich. – Na los, du Schwachkopf. Angsthase, Weichei, Mädchen!» So geht es eine Weile weiter mit heftigen verbalen Attacken gegen den Jungen.
Da springt der Junge mit einem einzigen Sprung hinunter. Man sieht ihn springen – aber nicht auf dem Boden landen. Das Bild verläuft ins Helle, löst sich langsam auf im Licht.

Claudia Reinhardt

(*1964) lebt und arbeitet als freie Künstlerin in Berlin und lehrt, in der Position als Associate Professorin, an der National Academy Bergen in Norwegen. 1992 gründete sie zusammen mit Ina Wudtke die Kunstzeitschrift Neid und war bis 1996 Mitherausgeberin, schrieb Texte und fotografierte zu feministischen Genderdiskursen für diese und andere Publikationen. Durch ein DAAD Stipendium und ein Stipendium der Stadt Hamburg, verbrachte sie 1996/97 in den USA und Mexiko. 2004 wurde ihre erstes Buch «Killing Me Softly- Todesarten» Aviva Verlag, Berlin veröffentlicht.  Im Jahre 2005 publizierte der Verbrecher Verlag die Arbeit «No Place Like Home». Ihre Foto- und Videoarbeiten werden in diversen Gruppen- und Einzelaustellungen im In-und Ausland gezeigt.

top