SAMMLUNG MIGROS MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST

 

avant la lettre [1]

Was wir möchten: Formulierungen, die schon da waren, als es dafür noch keinen Namen, keine Bezeichnung gab. Werke, die auf uns gewartet haben. Was gibt es Tröstlicheres als sich in der Vergangenheit wiederzuerkennen. Erstaunlich, für diese Zeit, können wir mit heutigem Verständnis dann sagen und uns bestätigt sehen. Avant la lettre lässt sich allerdings auch nachträglich einiges einfügen. Es braucht kaum eine Andeutung und noch viel mehr scheint möglich oder: es war schon früher anders.

 

Zensur

Schade, dass das Migros-Museum keine Arbeit von Markus Schinwald (*1973) besitzt. Der hat Verfahren gefunden, um avant la lettre zurückzugreifen, auf die Bildwelt der Vergangenheit: Er lässt Gemälde des 19. Jahrhunderts von RestauratorInnen retouchieren. Retouchieren, fällt mir ein, ist eigentlich eine gängige Praxis der Zensur [2]. Bei Schinwald ist es umgekehrt: Da wird nichts abgedeckt, versteckt, unsichtbar gemacht, nein, vielmehr geht es darum, dem Bestehenden weiteres beizufügen. Statt Informationen zu unterdrücken werden zusätzliche erfunden und die bewirken den Kontrollverlust - nicht die Kontrolle über das, was wir zu wissen meinten. Porträts werden angereichert um Details, Accessoires, die noch nie jemand gesehen hat: Halterungen, Manschetten, Binden, Schleifen, akkurat auf Mass gefertigte Kopf- oder Körperfassungen, offenbar absolut repräsentabel, repräsentativ sogar, notwendig aus uns nicht bekannten praktischen (medizinischen oder ästhetischen) Gründen, plausibel im Anschein der Zeit. Wer getraut sich, nachzufragen? Pulsierende Unruhe, wenn die Gewissheit in Frage steht und Ahnungen die Vorstellungskraft antreiben.

 

Passstücke

Franz West (*1947) hat in den 70er Jahren die Passstücke erdacht, Skulpturen, eine Art Möbel auch, die an den Körper passen und diesem eine Erweiterung sowie Anlass zu neuen Haltungen und Gesten bieten. Materialisierte Neurosen seien die Passstücke, meint West selber. So etwas wie Requisiten der Anomalie, stelle ich mir vor. Auch die fehlen in dieser Sammlung.

 

[1] nach wikipedia: Avant la lettre (französisch für vor dem Buchstaben) bezeichnet den Zustand einer Druckplatte, bevor die Beschriftung erfolgt, also nachdem die Platte vom Künstler freigegeben ist. Im übertragenen Sinn bedeutet es: Eine Struktur wird mit einem Begriff bezeichnet, den es zur Zeit der Entstehung dieser Struktur noch gar nicht gab. Auf Personen und ihre Leistungen bezogen, kann es übertragen übersetzt werden mit «ihrer/seiner Zeit voraus«. Der Ausdruck wird gern von Intellektuellen gebraucht (gehoben-literarische Bildungssprache).

[2] nach wikipedia: Zensur (censura) ist ein politisches Verfahren, um durch Massenmedien oder im persönlichen Informationsverkehr (etwa per Briefpost) vermittelte Inhalte zu kontrollieren, unerwünschte beziehungsweise Gesetzen zuwiderlaufende Inhalte zu unterdrücken und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass nur erwünschte Inhalte veröffentlicht oder ausgetauscht werden. Vor allem Nachrichten, künstlerische Äußerungen und Meinungsäußerungen sind Gegenstände der Zensur. Sie dient dem Ziel, das Geistesleben in politischer, sittlicher oder religiöser Hinsicht zu kontrollieren.

Anna Schürch

Fachlehrerin für Bildnerisches Gestalten und Kunstvermittlerin, tätig in Lehre und Forschung an der ZHdK, Bereich Art Education.

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