SAMMLUNG MIGROS MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST

Sockel für ein Abjekt

Ein beliebiger Sockel aus den Beständen einer Museumssammlung wird zu einem «Sockel für ein Abjekt» erklärt. Ich denke an einen dieser weißen Kuben, die angeblich wenig eigene Informationen mit sich bringen - so ein Sockel für den «white cube». Das Abjekt [*], das auf diesem Sockel präsentiert werden soll oder schon präsentiert wurde, hat keine festgelegt Form.

Der Gedanke einer Ausstellung eines Abjektes ist eng verbunden mit der Frage, was eine Intervention in einem Archiv oder in einer Sammlung sein könnte. Wenn an diesen Orten immer Dinge sortiert, geordnet und aufgehoben werden, die von einer Gesellschaft, einer Organisation oder von Einzelpersonen als wertvoll erachtet werden, könnte es spannend sein, genau an diesem Ort nach gegenteiliger Bewegung zu fragen – nach dem, was nicht gezeigt werden soll und deswegen auf eine andere Art (aus-)sortiert oder verworfen wird – nach den Abjekten.

Es ist nicht leicht zu sagen was ein Abjekt genau ist, da es kein bestimmter Gegenstand ist, sondern mehr eine psychologische Reaktion, die allem übergestülpt werden kann. Das Abjekt ist nichts Feststehendes, immer geht eine Bedrohung von ihm aus, da es die Vorstellungen von begrenzten Einheiten in Frage stellt. Ein Abjekt wird möglichst entfernt. Der Affekt des Ekels, der durch sein abruptes Auftreten und seine schnelle Reaktion, Wegschauen, Wegräumen, keinen Raum für Reflektion oder Analyse des Handelns lässt, kann dabei eine besonders effektive Funktion übernehmen. Wenn Walter Benjamin [**] der Meinung war, dass die genaue Kenntnis einer Person sich in der Vorstellung ihres kardinalen Ekelobjektes beweist, so ist dieses sicherlich übertragbar. Kenne ich das, was ein gesellschaftliches System auszuschließen versucht bzw. was aussortiert wird, kann ich auch die Form dessen erkennen, was geschützt und erhalten bleiben soll.

Alles Verwerfen benötigt die Konstruktion eines Außerhalb. Da die Vorstellung von 'was ist Außen' und 'was ist Innen' immer von einem Standpunkt aus definiert wird, ist es möglich dessen Koordinaten zu verschieben. Wie bei einem Blick in den Spiegel, wo der Standpunkt, an dem ich stehe, über den Ausschnitt entscheidet, den ich sehe, sind alle anderen Reflexionen des Raumes trotzdem in der Spiegelfläche enthalten. Es ist die Sichtbarkeit, die entscheidet und sich mit Parametern wie Verwertbarkeit und Konsumierbarkeit verbindet.

Der «Sockel für ein Abjekt» ist ein Ort, an dem sich die Blicke der Betrachter überlagern und das imaginäre Abjekt auf dem Sockel instabil, unsichtbar zu morphen beginnt – Es kann nichts Festes sein, es transformiert sich fortwährend und wird immer wieder zu etwas Anderem. Das beginnt schon bei einem einzelnen Blick der länger verweilt.

Schwankend zwischen der Frage nach dem eigenen kardinalen Ekelobjekt, das auf dem Sockel thronen könnte, und den Ausschlussmechanismen, die der Sockel selbst, als Stellvertreter für ein ästhetisches System, repräsentiert (Warum weiß, warum leise, warum diese ernsthafte Haltung bei der Betrachtung?), verändert sich das auf ihn Projizierte. Anstelle eines festen Bildes, einer zuverlässigen Verortung entstehen Fragen: Was passiert mit dem Sockel, der eigentlich ein Objekt als wertvoll und kostbar ausstellt, wenn er nun ein Abjekt zeigen soll? Kann der Sockel, der ein «innerhalb einer Ordnung» repräsentiert, zu einer Projektionsfläche für ein Außerhalb werden oder wird ein Abjekt auf einem Sockel zwangsläufig zu einem Objekt?
Der «Sockel für ein Abjekt» ist wie ein Körper ohne definierte Innen- und Außenfläche, ein Ort, dessen Parameter sich so überlagern, dass nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden kann, wo er sich befindet.
Er ist eine Schnittstelle, ein Kurzschluss, beides zugleich – ein queerer Ort, der sich nicht festschreiben lässt in einer Lesart. Gleich einem von Michail Bachtin [***] beschriebenem grotesken Körper ist der Sockel für ein Abjekt «von der umgebenden Welt nicht abgegrenzt, in sich geschlossen und vollendet, sondern wächst über sich hinaus und überschreitet seine Grenzen».
Das Eigene ist mit dem Außen verflochten, das Abjekt ist in uns Selbst, die Differenz eine Öffnung.

[*] Der Begriff des Abjektes den Julia Kristeva in ihrem Werk «Power of Horror: an Essay on Abjection» prägte, wird am Verständlichsten, wenn ich ihn in einer Beziehungskette lese:  Subjekt - Objekt - Abjekt.

Subjekt: aktive, geschlossene Form innerhalb einer symbolischen Ordnung
Objekt: passive, geschlossene Form innerhalb einer symbolischen Ordnung
Abjekt: aktive, offene Form außerhalb der symbolischen Ordnung

Nach Kristeva erfüllt das Abjekt, welches das Ich mit seinen Ängsten konfrontiert, eine wichtige Funktion, indem es die Unterscheidung zwischen «dem Selbst« und «dem Anderen» erst ermöglicht. Ausgrenzung und Tabus sind demnach Phänomene der Abjektion, die dazu dienen sollen, bestimmte Grenzen, Regeln oder Systeme zu sichern. Während das Abjekt bei Kristeva der Konstruktion von Subjekt und Objekt komplementär entgegengesetzt ist und für ein unveränderbareres, radikales Äußeres steht, hat der Begriff in den letzten Jahren von politischen und subkulturellen Bewegungen besonders in den USA eine Umdeutung erfahren, in der diese Grenzen eher flüssig werden.

[**] Walter Benjamin: Zur Moral und Anthropologie. In: Gesammelte Schriften, Bd. VI. S. 54-89, S. 88

[***] Michail Bachtin: Rabelais und seine Welt. Hrsg.: Renate Lachmann, Frankfurt am Main 1987. S. 76

Anna Lena Grau

(*1980) in Hamburg geboren, ist bildende Künstlerin. 2000 - 2006, Studium der Freien Kunst an der HfBK Hamburg, 2007, Diplom bei Hanne Loreck und Pia Stadtbäumer.

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